
Julia Zimanofsky, die Anfang des Jahres 2009 mit ihrem Film "Escape" den Shocking Shorts Award gewonnen hat, erzählt uns in einem Interview im August 2009 über ihre Freude über den Preis, über das Kino als kreatives Faszinosum und Visionen vom Bestmöglichen für ihre Zukunft als Filmemacherin.
Scanwerk: Dein Film "Escape" hat sehr positives Echo bei Kritik und auf Preisverleihungen gefunden, gekrönt wurde er mit dem Gewinn des Shocking Short Awards Anfang 2009. Herzlichen Glückwunsch! Wie fühlt man sich als Herausragende unter rund 200 Mitbewerbern?
Julia: Nicht ich bin die Herausragende, sondern es ist der Film, der herausgeragt ist. Und der Film ist Teamwork. Der Preis ist also eine Bestätigung und Anerkennung für alle, die an dieses Projekt geglaubt und ihre ganze Arbeit hineingesteckt haben. Darüber bin ich sehr froh.
Scanwerk: Du hast neben dem Preis die Teilnahme an einem zweiwöchigen Universal Studios Filmmaster Program in Hollywood gewonnen. Ist Hollywood ein langfristiges Ziel?
Julia: Die Frage ist: Wo gibt es die besten Rahmenbedingungen, Filme zu machen, so wie ich sie mir vorstelle? Teilweise trifft das auf Deutschland und Europa zu, wo du als Regisseur mehr kreative Freiheiten genießt, teilweise auf Hollywood, wo die finanziellen und technischen Möglichkeiten und die Konzentration von Know-how gewaltig sind. Natürlich ist das eine Verallgemeinerung, die nicht in jedem Einzelfall zutrifft. - Aber letztlich will ich damit nur sagen: Mein kurz- und langfristiges Ziel ist es, Filme zu schaffen, die meinen Qualitätsansprüchen genügen, und ich würde mich sehr freuen, wenn ich das in beiden Welten tun kann.
Scanwerk: Gab es irgend einen speziellen Anstoß, der zu der Idee für das Drehbuch führte?
Julia: Nein, ich wollte für meinen Kurzfilm eine archetypische Situation wählen, die mit Urängsten zu tun hat. Der Rest hat sich dann sukzessive beim Schreiben entwickelt.
Scanwerk: Du hast quasi komplett auf Dialog verzichtet. Hast Du damit eine bestimmte Intention verfolgt?
Julia: Das hat sich ganz organisch und natürlich ergeben, weil es bei dieser Geschichte keinen Bedarf an Dialogen gab. Aber es entspricht auch meinen persönlichen Vorlieben und Überzeugungen. Dialoge sind nicht immer unbedingt für das Verständnis einer Geschichte notwendig. Bilder sagen mehr als Worte und der Ton (also Musik und Sounddesign) bewegt emotional sogar weit stärker als Bilder: Das haben Untersuchungen ergeben. Das heißt, mit diesen Filmstilmitteln kann man eine Geschichte wesentlich wirkungsvoller erzählen, so dass sie dem Zuschauer richtig unter die Haut geht.
Scanwerk: Hast du von vornherein geplant, einen Horrorfilm zu drehen? Was ist an diesem Genre deiner Meinung nach faszinierend?
Julia: Streng genommen betrachte ich "Escape" als Psychothriller - aber die Grenze ist ja relativ fließend. Ich sehe Horror eher als eine Art Schauermärchen: Viel funktioniert durch Atmosphäre und Spannungsaufbau; dafür kannst du besonders gut die primären Stilmittel einsetzen, von denen ich gerade gesprochen habe. Gleichzeitig kannst du darin ein persönliches Drama erzählen. Das finde ich besonders bei asiatischen, vor allem japanischen Horrorfilmen sehr stark umgesetzt, die eben keine reinen Slasher-Streifen sind.
Scanwerk: Deine Liebe zum Film entstand wann? War die Regie immer ein Berufswunsch von dir?
Julia: Ich habe schon immer Filme geliebt, seit ich Kind war. Den Wunsch, Regie zu führen, hatte ich aber ursprünglich nicht. Es ergab sich, dass ich dann Aufträge für einige Drehbuchstoffe bekam und dabei verstand ich, dass ich Filme selbst machen will.
Scanwerk: Hast du Vorbilder in der Filmgeschichte?
Julia: Es gibt sicher großartige Regisseure, deren Arbeit ich bewundere und noch mehr einzelne Filme wie "Blade Runner", "Die sieben Samurai", "Achteinhalb", "Requiem for a Dream" oder "Apocalypse Now" - um nur ein paar von vielen zu nennen. Aber ich habe es nie geschafft, für mich ein Vorbild zu finden. Keiner kann Filme eines Anderen machen. Man kann nur lernen, selbst ein besserer Filmemacher zu werden und seine eigene Geschichte bestmöglich zu erzählen.
Scanwerk: Was fasziniert dich am Medium Film besonders?
Julia: Die Fähigkeit, unter die Haut des Zuschauers zu gehen, ihn bis ins Tiefste zu berühren und die Realität vergessen zu lassen, ihn in andere Welten zu entführen und Erfahrungen zu vermitteln, die er sonst im Leben nicht haben kann oder will. Und dies schafft der Film dank ausgeklügelter Techniken, durch den durchdachten Einsatz von Stilmitteln und mit viel Feingefühl. Genau das finde ich faszinierend.
Scanwerk: Welche Stellung innerhalb einer Filmproduktion gibst du der Postproduktion und warum hast du Scanwerk als Partner gewählt?
Julia: Wie bekannt, ist die Postproduktion mindestens genauso wichtig wie der Dreh selbst und bekommt zunehmend sogar noch mehr Bedeutung. Daher muss man sich unbedingt kompetente Partner wählen - wie zum Beispiel Scanwerk, das mir von Brancheninsidern explizit empfohlen wurde.
Scanwerk: Inwieweit ist deiner Meinung nach das Colorgrading bedeutend?
Julia: Das Colorgrading ist für mich ein unverzichtbarer Teil der Postproduktion. Man hat dadurch viel mehr Kontrolle über den Look eines Films. Es ist ja bekannt, wie stark Farben die Emotionen beeinflussen und mit dem Colorgrading kann man sehr subtile Farbstimmungen schaffen und so die Wirkung deiner Geschichte finetunen. Man erzielt also zum Einen einen optimalen Look und gleichzeitig einen psychologischen Effekt.
Scanwerk: Du giltst ja jetzt offiziell als eine neue deutsche Regiehoffnung. Vergleiche mit Florian Henckel von Donnersmarck, der denselben Preis gewann und dann schließlich 2007 den Oscar für "Das Leben der Anderen" erhielt, tauchen auf. Wie fühlst du dich damit?
Julia: Der Vergleich entsteht ja nur dadurch, dass wir beide "Shocking Shorts"-Preisträger sind. Florian Henckel von Donnersmarck hat diese Ausgangsbasis auf großartige Weise genutzt und jetzt ist es auch die Herausforderung an mich, das Bestmögliche daraus zu machen.
Scanwerk: Wann sehen wir deinen ersten Langfilm? Wird das ein Horrorfilm sein?
Julia: Nein, das wird ein Actionthriller mit Drama-Elementen sein. Ich schreibe gerade am Drehbuch. Auch eine Langversion von "Escape" ist geplant.
Scanwerk: Julia, wir danken dir für das Gespräch und wünschen dir viel Erfolg.