Die bei Scanwerk gegradete Internetserial des Münchner Studios Seidel unter der Regie von Florian Seidel und der Kamera von Torsten Lippstock gewinnt im Herbst 2009 die Siegertrophäe als bester internationaler Kurzfilm auf dem New York Independent Film and Video Festival.
Die Stadt, Gesichter, Düsternis, herumstromernde Hunde, erotisch gekleidete Frauen, abgeschnittene Damenbeine, Clubs und Bars, die Pathologie, in der man Leiber und Taten seziert, das Polizeibüro, rauchende und Rotwein genießende Akteure, Autofahrten, blinkende Lichter, Kommunikationsapparate, Nachtgestalten, Table Dance, Waffen, Brücken, Spiegel und Masken, Verlust der ordnungsstiftenden Instanzen. Schnell montierte ästhetische Fotografien, eine dem Stream of Consciousness oder dem heute üblichen medialen Bilderkonsum verpflichtete Montage, im reduzierten Stil eines "SMS Films", scheinbar wahllos aus dem Milieu zusammengeschnitten, verbunden durch die immer wieder auftauchenden Gesichter der beiden Ermittler.
2-3 Minuten dauert eine der bisher produzierten 11 Episoden der für das Web gedachten Krimiserie, die mehr als Persiflage der unzähligen US-Investigation Serien sein will. Streifenlichter, Crime Scenes, eine Pathologie und Clubs tauchen als Referenzen auf, aber der Hamburger Kiez als Schauplatz wird darüber hinaus zum märchenhaft rau poetisierten Ort der Nachtgesellschaft und des Verbrechens.
Am Ende einer ästhetischen Bilderflut bricht regelmäßig die grotesk komische Welle vor den Augen des Zuschauers und er befindet sich in diesem minimiert rasanten Absurditätenkabinett, in das sich das Mitternachts-Hamburg verwandelt.

 

Vor dem Olivia-Jones-Club wird ein totes Schwein gefunden, der Tatort abgeriegelt, die beiden Ermittler des Sankt Pauli Police Department (auch klassisch hollywoodianisch als SSPD akronymiert) auf den Plan gerufen. Das Schwein gerät als offensichtliches Mordopfer ins Visier, seine Fabel-hafte Erscheinung bezieht sich wie wahrscheinlich auch das Tätermotiv auf dessen Tätigkeit prae mortem als Bordellbesitzer im Kiezmilieu. Ruhelosigkeit, Verfolgungsjagden durch Hamburg ohne Verfolger oder Verfolgungsobjekt, Verwirrung der Kongruenz von Bilderfolgen und Inhalten, Bilderfetzen.
Die Easy-Listening-Jazz-Musik von Wigald Boning, die den Tönen alter französischer Krimiballaden in nichts nachsteht, begleitet die Irrfahrten der beiden Komissare durch die Dunkelheit. Wie Schlaflosigkeit durch heftiges Träumen mit all den absurden Gestalten, Köpfen und witzigen Unmöglichkeiten. Erinnerungen an David Lynchs "Twin Peaks" kommen auf, vor allem bei den Beschäftigtheiten des Ermittlerduos, die auf ihrer Suche nach dem Täter in allerlei abstruse Situationen und Bilder-geschichten geraten, zusammen mit ihrer GoGo-Girls-Schulmädchenschutztruppe, die sich tänzelnd in Locomotion im Hamburger Inland Empire bewegt. Im Übrigen nicht die einzige erotische Referenz: Femmes Fatales in häufiger Einstellung, kleidungstechnisch nicht zu verkennen. Der Witz und die leichte Ironie schwingen immer mit in der Übertreibung, die atmosphärische Komik erzeugt. 

Zwischen "Miami Vice", Reeperbahncharme und Film Noir-Stilistik, künstlerisch beseelt durch die hervorragende Fotografie, das stilsichere Colorgrading von Peter Deinas, eine spannungserzeugende Montage, durch die die Ästhetik tragenden Choreographien der Tanzsequenzen (verantwortlich zeichnete Cheftänzerin Isabella Rapp), durch die Buntheit der Figuren und nicht zuletzt durch wiedererkennbaren Verweise auf Filmkultur und - geschichte (die rauchenden Ermittler mit vagen Gesichtsausdrücken erinnern beispielsweise an französische Kriminalfilmleckerbissen) siedelt die Miniserie bestens im Internet, dem Medium der Post-hoch-drei–Moderne.
Die Ermittler geraten bei ihren rasanten Autofahrten und ihren Abenteuern immer wieder von ihrem Weg ab. Dabei sind die Abenteuer des Kiez-Duos weniger unheimlich als bei Lynch als vor allem visuell toll in Szene gesetzt, grotesk, trashig und auch witzig.
Ein interessantes und schön anzuschauendes Sammelsurium, das aber auch zum Weiterdenken anregt. Da treten durchaus auch Fragen zur Konsistenz der heutigen Gesellschaft zu Tage. Hamburger "Pulp Fiction" eben, weniger Gangstergewalt, mehr Maskenhaftigkeit und Identitätsverlust; ein bisschen Action, ästhetisierende, weit vom filmischen Realismus entfernte Musicalelemente und Tanzchoreografien, "echte" harte Jungs und Mädels aus der Hafenstadt, Originalschauplätze, viel Film Noir mit "CSI"-Leichenschauhaus-Femme Fatale - Stil- und Genre-Eklektizismus, den man sich als Filminteressierter nicht ersparen sollte.
Auch wenn das Internet noch nicht den Fernseher abgelöst hat, bietet SPPD einen motivisch fast schon klassichen, formal und rezeptionsbezogen aber revolutionären Schauwert. Der Internetfilm muss sich den medialen Gegebenheiten und den Bedingungen seines klickenden Publikums anpassen. Das Netz als Mekka des Aufsaugens aller möglichen Formen von Unterhaltung, Informationen, Musik, Film, Bild und Wissen, auch von wirtschaftlichem und menschlichem Austausch, oft ohne weitergehendes Tiefenrauschen und Rettung von Qualität zwar, aber in kompromisslos komprimierter und schneller, simultan-eindrückenden Form gehört zum Alltag und zur Wahrnehmung des schauenden und konsumierenden homo modernus. Es scheint also irgendwie sehr passend, eine Serie allein für das Internet zu produzieren, die das neue Sehen reflektiert. Auch eine immanente Kritik am schnelllebigen Konsum in ihrer Ironie ist denkbar. Vor dem Computer verwandelt sich der moderne Mensch ja selbst mit Mouse-Werkzeug in  den Architekten eines nicht mehr überschaubaren Eklektizismus an unendlichen Materialmengen und sollte sich über eine tote Sau als Mordopfer in einem Schnitt-Krimi nicht wundern. Die Täterin des Verbechens wird übrigens mit Hilfe eines eher esoterischen Mediums identifiziert und gefunden. Zeit-Geister-Beschwörung?
Wigald Boning komponierte sein Album "Jet Set Jazz", das den Soundtrack zur Serie liefert, als Musik für lange Autofahrten, und fungiert so auch als verbindendes formales und Stimmungs-Element in "SPPD", das so ganz für den Augenblick zwischendurch gemacht zu sein scheint. Aber auch seine Wirkung greift darüber hinaus.
Weitere Folgen sind in Planung. Infos und die Episoden selbst sind unter Opens external link in new windowwww.sppd.tv zu sehen.

 

SPPD "Die Sau ist tot"
Produktion: Studio Seidel
DoP: Torsten Lippstock
Colorgrading: Peter Deinas
Internationaler Vertrieb: ohmtv.com