EIN KURZER AMBITIONIERTER

Graden für Hollywood kommt nach dem Graden für den guten Zweck.  August 2008

Es ist ja schon eine Sensation für sich, dass ein Film aus deutschen Landen als eigener Stern am Hollywood-Himmel leuchtet. Aussichten auf eine Oscar-Nominierung für 2009 hatte der von Ferryfilm produzierte 30-Minüter Opens external link in new window"Günstige Prognose" von Regisseur Peter Ladkani, denn er stand auf der Consideration List der bekanntesten Filmpreisverleihung und hatte alle Chancen, für den OSCAR nominiert zu werden. Auch, wenn es mit dem Preis der Preise nicht geklappt hat, die Siegertrophäe beim weltweit wichtigsten Kurzfilmfestival, dem Los Angeles International Short Film Festival 2008, hat er im August 2008 als "Best Foreign Film" überreicht bekommen und wird damit belohnt für "schwere Unterhaltung", für die Auseinandersetzung mit einem der schlimmsten und zugleich am meisten verdrängten kriminellen Phänomene unserer Gesellschaft.

Wir von Scanwerk freuen uns besonders; nicht nur, weil das Grading für diesen Film von Peter Deinas durchgeführt worden ist mit dem Ziel, die Mitteilung des Werkes visuell und wirkungsästhetisch zu begleiten, sondern vor allem, weil wir selbst lange Diskussionen über die Thematik geführt haben und jede medienöffentliche Initiative zur Aufrüttelung unserer doch oft blinden, schnell schießenden und dann doch müden Welt unterstützen. Der Stern des Projekts leuchtete im Sommer 2008 in Hollywood bescheidener, ruhiger und dennoch heller als sonst, gerade weil es Filmkunst mit sozialem Engagement verbindet, das hier seine Ausdrucksmacht ganz im Anliegen der Sensibilisierung für ein gesellschaftlich und menschlich relevantes Thema sucht und findet. Zu diesem Zweck hat die Produktionsgesellschaft unter Leitung von Gerhard Schmidt-Ferry und Julia Volk namhafte Kombattanten oder besser gesagt Mitberührte aus der Filmbranche, aus Politik und Sozialarbeit  (Dunkelziffer e.V.) versammelt. Das Behandelte verdient energische und besonnene Aufmerksamkeit zugleich.
"Günstige Prognose", 2006 in Hamburg gedreht, nähert sich über den bildlichen Ausdruck und die Montage dem Thema Kinderschändung. Der Film wühlt in den Gedanken des Zuschauers, weil der die einzelnen Szenen und Personen zu einem Ganzen verknüpft. Das Verbrechen selbst kann nur imaginiert werden. Um so schlimmer. Irritierend und anklagend ist die Rolle, die der Hauptdarstellerin zukommt. Sie ist alles in einer Person, fast so wie Bernd Hertzsprung, der sagte, in diesem Film hätte er jede Rolle gespielt, sogar die des Hundes. Alexandra ist objektive Verantwortliche im Rechtsstaat und fehlerhafter subjektiver Mensch, indirekt aber wirkungsvoll Täter und schließlich Opfer. Als beauftragte Gutachterin stellt sie dem angeklagten Täter eine günstige Prognose aus, der ihn von der Haft befreit, und bringt damit einen Stein ins Rollen, der sie am Ende selbst trifft, indirekt, denn das eigentliche Opfer ist ihre Nichte. Opfer und Täter erscheinen hier aber wie schon fertig definiert in ihren Rollen - der Drehpunkt ist die Psychologin, die institutionalisierte Brücke zwischen Schänder und Geschändetem, im weiteren Sinne die Gesellschaft, die im Dunkeln tappt ohne den Taten Taten entgegen zu stellen.

Hamburgs damaliger Justizsenator Carsten-Ludwig Lüdemann hat die Schirmherrschaft für die Filmproduktion übernommen. Bayerns Innenministerin war bei der Filmpremiere in München anwesend. Beide Politiker haben ihr Engagement für eine Veränderung in der Rechtssprechung kundgetan durch ihren Auftritt im Zusammenhang mit der Kraft des Films und inzwischen eine gesetzliche Initiative durchgebracht, die in beiden Bundesländern die Beauftragung zweier unabhängiger Gutachter im Falle der Beurteilung von Tätern vorsieht. Eine erfolgreiche Konsequenz, ein Schritt, ein kleiner Passus immerhin. So wie bei der Erstaufführung von "Günstige Prognose" im Gloria Palast in München im Frühjahr 2007, als die prominenten Geladenen nach dem Abspann in betretenem Schweigen versanken, ist die allgemeine Stimmung in einer Gemeinschaft, die zwar gemein findet aber praktisch versagt, nicht die nötigen Mittel schafft. Ohnmacht erzeugt Stille und Schweigen. Die falsche Auseinandersetzung bietet keine Lösung. Der Streit zwischen Rechtswissenschaftlern, die auf die sich durch das Grundgesetz ergebende rechtliche Gleichheit von Tätern und Opfern pochen und denen, die aus dem Affekt handeln und sprechen und die nicht in der Lage sind, das Problem differenziert zu betrachten, bringt viel Lärm, der mit Blick auf betroffene Kinder mehr als gerechtfertigt ist, aber eben auch wenig Lösung. Die Zuschauer der Filmpremiere in München waren froh über die Gewissheit, dass das Gesehene nur ein Film war, erleichtert, als das Applaudieren nicht mehr unangepasst erschien. Die jährlichen Opferzahlen von 20 000 Kindern stehen jedem Verdrängungsmechanismus eiskalt gegenüber, von der Tatsache einer viel, viel größeren Dunkelziffer betroffener Unschuldiger ganz zu schweigen. Dunkel bleibt eine lösungsorientierte Auseinandersetzung mit solchen Verbrechen auch weiterhin. Licht bringen können nur Aktionen, Engagement, Hilfsangebote für Opfer und auch Täter, Aufklärung und Sensibilisierung nicht nur betroffener Menschen. Dann bietet sich vielleicht öfter eine Gelegenheit, die Grenzen der menschlichen Freiheit innerhalb der Gesellschaft neu zu definieren, seien sie rechtlich oder moralisch. Denn es braucht Grenzen und eine klare Perspektive für den Umgang und die Prävention. Klarheit und Fakten statt Stille, Verdrängen und Leiden.  

Auf eine Art, die glücklicherweise das Schwarz-Weiß-Denken und Handeln in unserer Gesellschaft in den Hintergrund drängt, bietet der Film nicht die geringste Möglichkeit der einfachen Kontemplation oder Identifikation, sondern reißt den Zuschauer in einen nicht beschreibbaren emotionalen Ausnahmezustand. Die Figuren sind nicht Klischeestaffage und handeln nicht nach einfachsten stereotypischen Mustern. Der reißerische, von Bernd Hertzsprung gemimte Hausmeister, der dem Täter auf die Spur kommt, erscheint so überzeichnet, dass die Identifikation des Zuschauers mit ihm unmöglich erscheint, dennoch wird er am Ende das richtige Omen erkannt haben; die Psychologin, die im Täter nicht die richtige Oberfläche findet, ihn ohne Zweifel zu verurteilen und dies auch nicht tut.
Ausgeblendet aus dem filmischen Diskurs bleiben einzig der tätig gewordene Täter und das für immer geschädigte Opfer, irgendwie vage, übrig. Gerade in der Betonung der Verantwortung der Gesellschaft, im Schnittpunkt personifiziert durch die von Floriane Dahl verkörperte Psychologin und die polemisierende Justiz liegt die Wirkung des Films. Wir alle gehören dazu, sind Teil und sollten die richtigen Mittel finden, ja wenigstens danach suchen.
Die Beteiligten an der Filmproduktion haben auf ihre Gage verzichtet. Scanwerk wird sich weiter engagieren.
Wir wünschen viel Erfolg für die nächsten Preisverleihungen!  

"Günstige Prognose" (2007)
Regie: Peter Ladkani
Produktion: Ferry Film Film- und TV-Produktions GmbH
Kamera: Maher Maleh
Telecine: Peter Deinas
Online Artist / Mastering: Georg Haas